"Die staatlichen Bildungseinrichtungen aufmischen"
 

Text: Jens O. Brelle  
Bilder:
Bucerius Law School/Hamburg Media School

Der Hamburger Wissenschaftssenator Jörg Dräger will mit der massiven Förderung privater Hochschulen und Privat-Public-Partnerships in der Hansestadt die staatlichen Bildungseinrichtungen „aufmischen“. Ein erfolgversprechendes Konzept: Noch belegen die staatlichen Unis in Hamburg im bundesweiten Image- und Qualitätsvergleich die letzten Plätze, die privaten Unis hingegen sind bundesweit mit an der Spitze. Unter dem Titel "Die norddeutschen Hochschulen auf dem Weg zum europäischen Hochschulraum" soll ein neues BA-/MA-System eingeführt und der Wettbewerb unter den Unis gestärkt werden.

Der Hamburger Medienanwalt Jens O. Brelle sprach mit Vertretern zweier junger neuer Imageträger der Hansestadt über das Thema „Elite“ an privaten und staatlichen Bildungseinrichtungen: Markus Baumanns, Geschäftsführer der
Bucerius Law School und Jan Henne De Dijn, Geschäftsführer der Hamburg Media School.

AUSGABE 43
DIE ALLTÄGLICHE ELITE





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EDITORIAL VON BJÖRN BRÜCKERHOFF
IM SCHLARAFFENLAND DER ÄSTHETIK
WIE PINGUINE AUF DEM LAND
PULITZERS ELITE
MOHNS ERBEN IM GEISTE
DIE ELITE FÖRDERT IHRE KINDER
BILDUNGSEINRICHTUNGEN AUFMISCHEN

ZWISCHEN SPRACHEXIL UND HEADLINE
WO DER STUDENT ZUR ELITE GEHÖRT
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Die Gegenwart: Herr Dr. Baumanns, was bedeutet Elite im Rahmen universitärer Ausbildung?

Markus Baumanns: Um sich nüchtern mit dem Begriff auseinander zu setzten, sollte man auf den Ursprung des Wortes schauen. Dahinter steckt das französische Wort für „auswählen“, „élire.“ Das ist der wesentliche Aspekt. Universitäten müssen sich ihre Studierenden wieder selber auswählen, um sicherzustellen, dass diese für das Fach geeignet sind. Je besser den Universitäten die Auswahl gelingt, desto mehr ihrer Studierenden werden später zu den Leistungsträgern zählen. Wenn eine Hochschule kontinuierlich hervorragende Absolventen entlässt und gleichzeitig hohe Forschungs-leistungen vorweist, ist der Begriff Elite-Universität ange-bracht. In diesem Sinne können wir eigentlich noch keine Universität in Deutschland als Elite-Universität bezeichnen.

Die Gegenwart: Brauchen wir Elite?

Baumanns: Jedes Land braucht Elite im Sinne einer Verantwortungselite, die bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, oftmals un-bequeme Entscheidungen durchsetzen muss und vor dem Hintergrund dieser Anfor-derungen und auf der Grundlage von Talent und Anlage hervorragend ausgebildet, gefordert und gefördert sein sollte. Dabei kommt den Hochschulen als Bildungs-institutionen, die in eine der wesentlichen Phasen der Entwicklung des Menschen prägen können, eine besondere Aufgabe zu.

Die Gegenwart: Was halten sie von Studiengebühren an staatlichen Hochschulen?

Baumanns: Studiengebühren für eine gute Ausbildung sind eine Investition in die eigene Zukunft. Es ist richtig und notwendig, Studierende an den Kosten ihrer Ausbildung zu beteiligen. Mit Finanzierungsmodellen, die sicherstellen, dass erst im Beruf mit der Rückzahlung begonnen wird, kann trotz Gebühren allen der Zugang zur Universität ermöglicht werden. Welche positive Auswirkungen Studiengebühren auf ein Hochschule hat, erleben wir täglich an der Bucerius Law School. Die Hochschule versteht sich als Dienstleister, die Studenten als Kunden. Es entwickelt sich daraus eine Dynamik, die Qualität in Lehre und Forschung wie auch Leistungsbereitschaft und Engagement der Studierenden immens steigert.

Die Gegenwart: Was sind die Vorteile privater Hochschulen, was sind die Nachteile?

Baumanns: Die privaten Hochschulen haben aufgrund der Auswahl der Studierenden eine hoch motivierte Studentenschaft. Ein weiterer Vorteil liegt in den besseren Studienbedingungen und den meist viel intensiver gepflegten Kontakten in die Berufswelt. Sie sind zwar überschaubarer und meist noch auf ein Fach konzentriert, aber das ändert sich, wie man bei der IUB oder auch der Universität Witten-Herdecke sehen kann. Der Reiz der großen staatlichen Universitäten liegt natürlich in der Vielzahl der Fächer und der interdisziplinären Möglichkeiten. Diese werden aber leider gar nicht ausgeschöpft und die Mehrheit der Studierenden leidet eher unter den „Massen“, als dass sie von der Vielfalt profitieren kann. Die staatlichen Universitäten haben viele potentielle Stärken, aber diese müssen Sie erst wieder entdecken und effektiv einsetzen.

Die Gegenwart: Wollen sie Eliten ausbilden?

Baumanns: Wir wollen engagierten und begabten jungen Menschen die Möglichkeit bieten, ihr Potential voll auszuschöpfen. Natürlich wollen wir erstklassige Juristen ausbilden, die den hohen Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt gewachsen sind aber auch über den Tellerrand schauen und bereit sind, in der Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen. Um diese Studenten zu finden, haben wir ein aufwändiges schriftliches und mündliches Auswahl-verfahren entwickelt. 

Die Gegenwart: Wie bereiten Sie sich auf den Bologna-Prozess vor?

Baumanns: Wir haben schon im Jahr 2000 den Bachelor-Abschluss LL.B. eingeführt und so unsere Zustimmung zu den Zielen des Bologna-Prozess deutlich gemacht. Insbesondere bei dem traditionell sehr national orientierten Jurastudium ist eine Europäisierung und Inter-nationalisierung der Ausbildung sehr wichtig. Wir nutzen seit Gründung der Hochschule das European Credit Transfer System (ECTS), um eine Vergleichbarkeit der Studien-leistungen zu gewährleisten. Alle unsere Studierenden müssen gute Englischkenntnisse mitbringen und es wird ein intensives Fremdsprachen-training in der juristischen Fachterminologie angeboten. Nach dem zweiten Studienjahr verbringen alle Studierenden der Bucerius Law School ein Trimester an einer unserer 72 Partneruniversitäten.
Bei den Wahlfächern und in der Forschung wird ein besonderer Schwerpunkt auf rechts-wissenschaftliche Themen mit internationaler Dimension gelegt.  Darüber hinaus laufen die Planungen für einen Masterstudiengang.

Die Gegenwart: Wie sehen Sie den deutschen Ausbildungs-markt in zehn Jahren?


Baumanns: Ich bin davon überzeugt, dass die deutsche Hochschullandschaft in Deutschland in wenigen Jahren nicht mehr mit der heutigen zu vergleichen sein wird. Der Finanzdruck, der steigende internationale Wettbewerb und auch der zunehmende Wettbewerb um die besten Studenten der Hochschulen untereinander werden eine vielfältigere und differenziertere Hochschullandschaft schaffen. Der Staat wird sein Bildungs-monopol verlieren. Die Bildungs-angebote in Deutschland werden sicherlich unüber-sichtlicher, aber insgesamt viel besser sein.

 

Die Gegenwart: Herr Henne De Dijn, was bedeutet Elite im Rahmen universitärer Ausbildung?

Jan Henne De Dijn:
Marcuse sagte, „
Es ist immer die Leistung, die bestimmt, wer zur Elite zählt.“ So sehe ich das auch. In unserem Umfeld heißt das nichts anderes, als dass ich intelligente Personen mit herausragendem Engagement und Leistungen zur Elite zähle. Und das ist auch das „Elite“-Verständnis, dem sich alle HMS-Studiengänge verpflichtet fühlen.

Die Gegenwart: Ist Elite gleich „elitär“?


Henne De Dijn:
Laut Duden heißt elitär nichts anderes als „zur Elite zugehörig“. Leider erweckt der Begriff „elitär“ aber eher Negativ-Assoziationen wie Arroganz, Geldelite, Zweiklassengesellschaft und so weiter. Wenn „elitär“ danach definiert wird, dann drückt es am Ende genau das Gegenteil meines „Eliteverständnisses“ aus.

Die Gegenwart: Brauchen wir Elite?

Henne De Dijn: Ja. Denn wir brauchen Menschen, die Herausragendes oder Außer-gewöhnliches leisten.

Die Gegenwart: Hängt Elite von der Größe des Geldbeutels ab?


De Dijn:
Nein, und auch nicht nach dem Verständnis, mit dem wir Studenten an der HMS ausbilden. Wenn sie sich mit unseren Studierenden unterhalten, werden sie schnell verstehen, dass ein HMS-Student vor allem ein gutes Maß an Durchhaltevermögen und thematischer Leidenschaft benötigt: Jemand, den die Größe seines Geldbeutels nach Abwechslung suchen lässt, wird garantiert den harten zweijährigen Parcours dieses Studiums nicht durchhalten.

Die Gegenwart: Was halten Sie von Studiengebühren an öffentlichen Hochschulen?

Henne De Dijn: Wenn Studiengebühren im Selbst-verständnis der Universitäten einen Wandel hin zu einer Dienstleistungskultur auslösen, wenn Studenten darüber einen „Hebel“ in Bezug auf garantierte, zu erbringende Leistungen und Qualität durch die Ausbildungs-einrichtungen erhalten, können maßvolle Gebühren bestimmt zu positiven Entwicklungen in der bundesdeutschen Bildungs-landschaft führen. Unbestritten ist aber auch, dass für das Erststudium flankierende Maßnahmen wie Bafög oder Stipendien bereitstehen müssen, um das Studium für jeden offen zu halten.

Die Gegenwart: Wie grenzen sich private Hochschulen – in ihren Angeboten – von öffentlichen Hochschulen ab? Was sind die Vorteile privater Hochschulen
?

Henne De Dijn:
Das kann ich nicht generell für private Hochschulen beantworten, aber die Qualität der HMS Studiengänge zeichnet sich durch die enge Verknüpfung exzellenter wissenschaftlicher Theorievermittlung und intensiver Praxisphasen in der Medienwirtschaft aus. Grundlage dafür ist die auf Initiative der Medienwirtschaft entstandene Private-public-Partnership aus Stadt Hamburg, Hamburger Universitäten und mittlerweile über 20 bedeutenden Medienunternehmen Diese Partnerschaft wird durch das Engagement von renommierten Medienschaffenden, Vorständen, Regisseuren und Vollblut-journalisten getragen, deren gesamtes Know-how, unmittelbar in den Lehrplan einfließen. Dadurch können sich die Studenten frühzeitig ein Netzwerk aufbauen – sicher eines der entscheidenden Merkmale unserer Schule.

Die Gegenwart: Und die Nachteile?

Henne De Dijn: Nachteile? Natürlich keine. Grundsätzlich sollten sich potenzielle Studenten aber im Vorfeld gründlich vergewissern, was die Studienabschlüsse privater Hochschulen Wert sind – denn natürlich gibt es auch in diesem Markt, wie überall, schwarze Schafe.

Die Gegenwart: Wie positionieren sie sich im Ausbildungsmarkt?


Henne De Dijn:
Unser entscheidender Vorteil liegt darin, dass die Medienwirtschaft selbst den Anstoß zur Entwicklung, zum Aufbau der HMS gegeben hat – potenzielle spätere Arbeitgeber also gleichermaßen Anteilseigner an diesen Studiengängen sind.

Die Gegenwart: Wer darf bei ihnen studieren?


Henne De Dijn:
Wir suchen Studenten, die uns, neben ihrer akademischen Qualifikation, durch ihr Engagement und ihre Passion für den Mediensektor überzeugen. Das gilt für alle unsere Master-Studiengänge unabhängig ob Medienmanagement, Journalismus oder auch Film. Wir glauben, dass an Medienschaffende besondere Ansprüche gestellt werden und HMS-Studenten sich ihrer besonderen professionellen und gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sein sollten.

Die Gegenwart: Wie sichern sie die Qualität der Ausbildung?


Henne De Dijn:
Zum einen natürlich durch die Private-public-Partnership, deren Mitglieder sich aktiv an der Studiengestaltung beteiligen. Die Studienziele und das Studienprogramm werden mit Hilfe von Praxisbefragungen, Gesprächs-runden mit Vertretern aus Wissenschaft und Wirtschaft sowie internen Klausursitzungen kontinuierlich auf neue Anforderungen ausgerichtet. Ein gemeinsamer Ausschuss der Uni Hamburg und der HMS sowie die Akkreditierung sichern den hohen akademischen Standard der Ausbildung. Die Qualitätssicherung in der Lehre erfolgt zudem durch die systematische Auswahl und Anleitung der Dozenten sowie durch eine durchgängige Evaluation aller Lehrveranstaltungen.

Die Gegenwart: Wie international ist ihre Ausbildung?


Henne De Dijn:
Medien sind ein Kulturprodukt und damit im höchsten Maße national – Medienmärkte wiederum sind aber wie alle anderen Märkte Globalisierungsprozessen unter-worfen. Daher hat die Hamburg Media School bereits im Jahr ihrer Gründung ihr internationales Selbstverständnis dokumentiert und ist von der EU-Kommission als vollwertiger Kooperationspartner im großen europaweiten ERASMUS-Netzwerk der Universitäten und Hochschulen anerkannt worden. Dies erleichtert uns den Austausch von Dozenten enorm und ermöglicht auch die kurzfristige Mobilität unserer Studierenden. Wir kooperieren beispielsweise mit dem international renommierten Department of Film and Media Studies an der Universität Kopenhagen, die für ihre exzellente Lehre in Film und Medienwissenschaften bekannt sind. Zudem haben wir unter anderem Gastprofessoren von der Universität Amsterdam, eine Gastdozentin von INSEAD (Graduate School of Business in Fontainebleau) und auch zu amerikanischen Hochschulen haben wir gute Kontakte, wie zum Beispiel über eine Gastdozentur eines Professors der Medill School of Journalism/Kellogg School of Management an der Northwestern University (Evanston); hier wird das Kooperationsnetzwerk kontinuierlich ausgebaut. Internationalität begrenzt sich bei uns aber nicht nur auf die Lehre. Praktische Erfahrungen in einem Unternehmen im Ausland während des Praktikums zu machen, ist bei uns nicht die Ausnahme, sondern die Regel und wird von der HMS besonders gefördert. Hierfür können wir auf exzellente Kontakte zu Partnerunternehmen in ganz Europa zurückgreifen. Schwerpunktmäßig sehen wir besonders die mittel- und osteuropäischen Staaten im Zentrum des Interesses unserer Studierenden, worauf wir beispielsweise mit der Einrichtung eines Polnischkurses zur Ergänzung unseres Fremd-sprachen-Angebotes reagiert haben.

Die Gegenwart: W
ie bereiten sie sich auf den Bologna-Prozess „Allgemeine und berufliche Bildung 2010" vor? Sind sie dafür gerüstet?

Henne De Dijn: Wir sind bereits seit unserer Gründung offen für alle Absolventen Europas, die mindestens einen BA-Abschluss in der Tasche haben, was insofern bereits Ausdruck des Bologna-Prozesses ist. Zudem ist unser Studienangebot modularisiert und wir wenden das ECTS-System an. Wie sie merken, erfüllen wir bereits heute den Standard für den Bologna-Prozess, nicht zuletzt, weil wir international kompatibel sind und das erlaubt die Mobilität der Studierenden.

Die Gegenwart: Wie sehen sie den Ausbildungsmarkt in zehn Jahren, wo sehen sie dann ihre Hochschule?


Henne De Dijn:
Der Medienmarkt hat sich in den vergangenen Jahren mit einer enormen Dynamik entwickelt, sowohl im Bereich der Berufsbilder als auch im Bereich der Anforderungen an die Mitarbeiter. Dieser Prozess wird auch in den nächsten zehn Jahren sicher weitergehen. Die HMS hat die Lücke zwischen der theoretischen Ausbildung klassischer Hochschul-absolventen und den praktischen Anforderungen der Medienwirtschaft geschlossen. Vor dem Hintergrund der breiten Vernetzung in die Medien bin ich daher sicher, dass sich die HMS weiter als feste die Größe im nationalen wie auch als eine Größe im internationalen Ausbildungs-markt für Medien etabliert.

 


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