Andy Warhols Time Capsules

TEXT:
MARC LAUTERFELD
BILD:
MMK FRANKFURT


Das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main (MMK) zeigt noch bis Ende Februar 2004 in Zusammenarbeit mit dem Andy Warhol Museum in Pittsburgh eine Auswahl der „Time Capsules“ von Andy Warhol (1928–1987). Diese „Time Capsules“ – „TCs“ – sind  610 Umzugskisten mit bis zu 280 gesammelten Gegenständen pro Karton und damit ein Spiegelbild und kollektives Gedächtnis der amerikanischen Gesellschaft der 60er bis 80er Jahre.

AUSGABE 36
SCHWERPUNKT AMERIKA




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EDITORIAL VON BJÖRN BRÜCKERHOFF
INTERVIEW MIT M. MÜLLER V. BLUMENCRON
ANDY WARHOLS TIME CAPSULES

EXPLOSION/IMPLOSION
MILITAINMENT MADE IN WASHINGWOOD
FÜNF FRAGEN - ZEHN ANTWORTEN

IM WESTERN NICHTS NEUES
VIER RINGE DER MACHT
MACHT STATT MUSKELN
KAMPAGNEN FÜR DIE MORAL
FROM WURSTFEST TO GEMUETLICHKEIT
1, 2, 3 FROM NEW YORK TO GERMANY


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Beginnend Mitte der 60er Jahre sammelte Andy Warhol alles, was ihm in seinem Alltag bewahrenswert erschien, vom wertvollen Gegenstand, beziehungsreichen Zeitungsschnipsel bis zum lapidaren Souvenir.

War eine „Time Capsule“ fertig, wurde sie verschlossen und zu Warhols Lebzeiten nicht mehr geöffnet. Erst nach seinem Tod hat das Warhol Museum in Pittsburgh begonnen, einzelne Kartons wieder zu öffnen und zu inventarisieren. Aus den rund 100 bislang bearbeiteten „Time Capsules“ – der weitaus größte Teil ist bis heute ungesichtet – hat  das MMK fünfzehn Kartons exemplarisch ausgewählt. Bereits diese wenigen Kartons beleuchten beispielhaft Phänomene amerikanischer Massen- und Populärkultur, die auch heute noch für die europäische Gesellschaft bestimmend sind. Die zum Teil intime Zusammenstellung gestattet ferner einen detaillierten Einblick in das Leben und die künstlerische Vorgehensweise eines einzigartigen Künstlers, Geschäftsmannes, „Superstar“ (von ihm stammt die Aussage "In the future, everyone will be famous for 15 minutes." [1986]), Sammlers und – dieser Gedanke tritt hinzu – großen Egozentrikers. Die gesammelten Gegenstände reichen von frühen Kinderbüchern der 30er Jahre bis hin zur Club- und Partyszene des „Studio 54“.



Bilderstrecke: Andy Warhols Time Capsules
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Die Ausstellung beginnt mit TC-27, die Andy Warhols Mutter Julia Warhola (1892–1972), die 1952 zu ihrem Sohn nach New York gezogen ist und bis 1971 bei ihm wohnte, gewidmet ist. Es ist vielleicht die emotionalste Time Capsule. Sie enthält einige von Julia Warholas persönlichen Kleidungsstücken wie Blusen, Kittelschürzen, Hüte, Dokumente ihrer sehr engen Verbindung zur Saint Mary’s Catholic Church in New York sowie Korrespondenz mit ihrer Familie, teilweise in karpato-russischer Sprache. Warhols Vater und Mutter waren aus der Slowakei nach Amerika emigriert. Neben vielen anderen Dingen finden sich auch illustrierte Kinderbücher zum Vorlesen und von Andy Warhol für Tiffany entworfene Weihnachtsgrußkarten aus den 50er Jahren.

Weitere Time Capsules beinhalten Gegenstände von Hollywoodstars: TC58 mit Clark Gables in London gefertigten Schuhen – ein Geschenk der Witwe des Schauspielers; TC61 mit einem handkolorierten Kinderstarfoto mit Autogramm „To Andrew Warhola from Shirley Temple“ von 1941 und TC67 mit einem Samtabendkleid von Jean Harlow. Zu diesen Kartons gehört auch ein Brief von Karl Ströher, dessen ehemalige Sammlung den Grundstock des MMK bildet, anläßlich der Erwerbung von sechs Warhol-Filmen. Eine wertvolle Ressource für seine werbegrafischen Entwürfe und Zeichnungen der 50er Jahre sind zahlreiche Bildtafeln der New York Public Library Picture Collection, die 1954 von Andy Warhol ausgeliehen und nie zurückgegeben wurden.

Fortgesetzt wird die Ausstellung mit TC31, in der sich von Warhol illustrierte Schallplattencover zu Maurice Ravels Daphnis and Chloe und Tschaikowskys Swan Lake aus dem Jahr 1955 sowie Teile seiner eigenen Schallplattensammlung – von Bruckner über Puccinis La Bohème, KurtWeills Threepenny Opera bis hin zu Judy Garlands A Star is Born reichenden – finden. Ergänzt wird diese Time Capsule durch Schwarzweißfotos aus den frühen Tagen der Silver Factory; ein besonderes „Highlight“ ist eine Schablone für die Campbell’s Soup Cans von 1962.

TC69 beinhaltet vor allem Warhols umfangreiche Sammlung von Kinderbüchern aus den 30er Jahren, den so genannten „Big Little Books“. Zeitlich stammen sie aus seiner eigenen Kinderzeit, erworben wurden sie aber wahrscheinlich erst im Nachhinein auf Flohmärkten.

Enthalten sind Walt Disneys Mickey Mouse, der amerikanische Held Buffalo Bill und eine Bearbeitung von David Copperfield. Im Kontrast hierzu steht der Ausstellungskatalog zu der Kunstsammlung des Magazins Playboy von 1971.

TC71
enthält einen weiteren kleinen Teil der Bibliothek Warhols. Er reicht von amerikanischen Bodybuilderheften der 60er Jahre über Truman Capotes A Tree of Night and other stories (1951) bis zu Reiseführern seiner Weltreise  im Jahre 1956.

Aus den frühen New Yorker Jahren stammt der Ausstellungskatalog American Painting in the 20th Century (1965) von Henry Geldzahler für das Metropolitan Museum of Art in New York, der – ohne ein einziges Werk von Andy Warhol zu enthalten – ihm persönlich gewidmet ist.

Mit TC-12 und TC44 werden zwei besonders umfangreiche Time Capsules gezeigt, die mehr als 70 Originalzeichnungen Warhols der 40er, 50er und 60er Jahre beinhalten. Dazu gehören Schuhzeichnungen wie das farbig kolorierte Blatt Dial M for Shoe in Anlehnung an Alfred Hitchcocks Film Dial M for Murder und eine goldene

Schuhzeichnung, die Princess Margaret gewidmet ist. Neben frühen „blotted line“-Zeichnungen zu A is an Alphabet (1953) gehören zu diesen Kartons die originalen Werbeanzeigen für Warhols I.-Miller-Schuhreklame und für Harper’s Bazaar Magazine (1960). Hier finden sich aber auch so unterschiedliche Dokumente wie die schriftliche Ablehnung der Schenkung einer Schuhzeichnung durch das Museum of Modern Art in New York, unveröffentlichte Korrespondenz mit Truman Capote, Modezeitschriften mit Warhol als Dressman, Boulevardpresse zum Attentat auf John F. Kennedy sowie eine Einladung zu einem Abendessen bei den Rockefellers.

TC21 zeigt mit 204 Paßbilder aus einem Paßbildautomaten die Ästhetik der Wiederholung, eine reiche Quelle für das Werk Andy Warhols. Fast alle dieser Portraitfotos sind Teil eines Beitrags mit dem Titel „New Faces, New Forces, New Names in the Arts“ für die Juni-

Ausgabe von Harper’s Bazaar aus dem Jahr 1963. In dieser Time Capsule befinden sich außerdem Bildvorlagen für zwei frühe Gemälde Warhols: die Malen-nach-Zahlen-Vorzeichnung für Do it Yourself (Violin) von 1962 und der Zeitungsausschnitt mit der Schlagzeile der Titelseite des New York Mirror vom 4. Juni 1962 „129 Die in Jet!“. Auf den Tag genau sechs Jahre später erschienen die Bilder vom Attentat auf Andy Warhol in den Zeitungen, die sich ebenfalls in diesem Karton befinden. TC92 beinhaltet Bildvorlagen für Gemälde Warhols, wie z.  B. ein Heft des New York City Police Departments vom Februar 1962 mit den Fahndungsfotos, die zu der Thirteen Most Wanted Men-Serie führten.

Den Filmproduktionen der 60er Jahre ist TC-10 gewidmet. Sie umfaßt Filmkritiken zu Warhols Blue Movie, Trash und Women in Revolt, ein Newsweek-Cover mit Jack Nicholson sowie Anzeigen und Artikel zu Velvet Underground. Darüber hinaus enthält TC-10 umfängliches Material zur

Zensurdebatte über „Legalized Pornography“ sowie diverse Gay-Magazine. Ergänzend finden sich großformatige Fotografien mit Josephine Baker und Warhols Prospekt Tattooed Woman. TC50 enthält Andy Warhols unterhaltsame Werbebroschüre seines Filmvertriebes in 131 Exemplaren. In TC214 wiederum finden sich Utensilien von mehreren New York-Paris-Reisen mit der Concorde im Jahr 1978, Einladungen zu Modeschauen sowie zu Halloween-Parties im Studio 54 und das High Times-Magazincover mit Andy Warhol als Santa Claus und dem als Mao verkleideten Truman Capote, ebenfalls von 1978. Auch Party-Schnappschüsse mit Andy Warhol, Mick Jagger, Gianni Versace und Ursula Andress wurden in TC214 verwahrt.

TC232 unterscheidet sich von den anderen Time Capsules. Fast der gesamte Inhalt besteht aus Titelseiten der New York Post und der Boulevardzeitung Daily News. Viele Schlagzeilen beziehen sich auf die ersten drei Monate der Teheraner Geiselaffäre. Am 4. November 1979 besetzten iranische Revolutionäre die US-Botschaft und hielten 53 amerikanische Staatsbürger fest.

Die Gefangenen wurden am 20. Januar 1981, nach 444 Tagen, befreit. Dieses traumatische politische Ereignis nahm für die gesamte Dauer die Schlagzeilen auf den ersten Seiten fast jeder US-amerikanischen Zeitung ein. Neben Annoncen und Werbeanzeigen dienten auch ganze Seiten von Zeitungen und Zeitschriften seit der Mitte der 50er Jahre Warhol immer wieder als Vorlagen für Zeichnungen und Gemälde; das Bild Daily News von 1962 ist eines der prominentesten Beispiele.
 

Die Ausstellung wird begleitet von frühen Gemälden Warhols wie u.a. One Hundred Campbell’s Soup Cans (1962), Daily News von 1962, MostWanted Men No. 11 und Multiplied Jackies (1964) sowie einer Reihe früher Zeichnungen aus den Jahren 1952 bis 1960.

 Auch stellt die von Udo Kittelmann und Mario Kramer in enger Zusammenarbeit mit John Smith und Matthew Wrbican vom Andy Warhol Museum in Pittsburgh kuratierte Ausstellung Bezüge zu anderen Künstlern her. So sind Schwerpunkte zu den Themen Zeit und Archiv zu finden, wie zum Beispiel Hanne Darbovens 899-seitige Zeit-Schreibung Ein Jahrhundert – Johann Wolfgang von Goethe gewidmet (1971/1982), Ilya Kabakovs autobiografisches Werk The Rope of Life and Other Installations (1983/1995), die raumbezogene, gemalte Wandarbeit Frankfurter Brief von Lothar Baumgarten (1989/1991) und der Zeichentrickfilm Time Is a Trick of the Mind (1998) von Francis Alÿs.

Ergänzt wird die Ausstellung schließlich durch das Abspielen von The Screen Tests. Zwischen 1964 und 1966 entstanden etwa 500 Filmportraits in Andy Warhols Factory. Dabei handelt es sich um jeweils dreiminütige 16mm-Filme ohne Ton, in denen die Portraitierten starr und möglichst regungslos in die Kamera blicken sollten. Warhol entschied sich dafür, die Filme verlangsamt (16 statt 24 Bilder pro Sekunde) zu projizieren, so daß das Filmmaterial auf vier Minuten gedehnt wird und die Eigenheiten der Modelle besonders deutlich hervortreten. Diese Living Portraits bilden eine Galerie von bekannten Persönlichkeiten wie Marcel Duchamp und Niki de Saint Phalle, Factory-Stars wie Paul Morrissey und Jonas Mekas, aber auch von unbekannten Teenagern, die in dieser Zeit bei Warhol ein und aus gingen. Die Screen Tests waren darüber hinaus das Rohmaterial für zwei Filmprojekte mit den Titeln Thirteen Most Beautiful Girls und Thirteen Most Beautiful Boys in Anlehnung an die MostWanted Men-Serie.




Hinweise zur Ausstellung:


Ort: Museum für Moderne Kunst, Domstraße 10, 60311 Frankfurt am Main;
Zeitraum: Bis 29. Februar 2004;
Öffnungszeiten: Di 10 – 17 Uhr, Mi 10 – 20 Uhr, Do-So 10 – 17 Uhr,
Montags geschlossen
Eintritt: 6 Euro, ermäßigt 3 Euro;
Katalog: 39 Euro, mit
einführenden Texten zu den Time Capsules und einer Auflistung und Abbildung des vollständigen Inhalts von TC 21.


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