FOLTERBILDER
Doppelt und dreifach bestraft


INTERVIEW: STEPHAN LENHARDT
BILD: PHOTOCASE.DE / SWR



Jörg Armbruster, geboren 1947 in Tübingen, begann seine journalistische Laufbahn beim WDR. Später arbeitete er als Reporter bei der SDR-Abendschau und der Redaktion Innenpolitik. Zehn Jahre lang war Armbruster Reisekorrespondent und Redakteur in der Auslandsredaktion Fernsehen, zuletzt als Leiter. Seit 1999 ist er als Auslandskorrespondent in Kairo zuständig für die Berichterstattung aus der gesamten arabischen Welt. In der Gegenwart spricht  Armbruster über die Macht der Fernsehbilder, die doppelte Bestrafung der Folter-Opfer von Abu Ghureib und die Pressefreiheit im Irak.

AUSGABE 38
DER BILDERSTURM




STARTSEITE

EDITORIAL VON BJÖRN BRÜCKERHOFF
INTERVIEW MIT FLORIAN ILLIES
MARKENKOMMUNIKATION DES TERRORISMUS
KEINE ANGST VOR DER WAHRHEIT
DOPPELT UND DREIFACH BESTRAFT
OPFER DER GEWOHNHEIT
ETHIK UND JOURNALISMUS: WIDERSPRUCH?
DAS VISUELLE TIER
LIEBER FÜNF MINUTEN ZWEIFELN...
EIN BILD LÜGT MEHR ALS TAUSEND WORTE
BILDER, DIE DEN KOPF VERDREHEN
BILDER, TIEFGEFROREN

ALLE AUSGABEN IM ARCHIV
DAS REGISTER
ÜBER DIE GEGENWART
IMPRESSUM




Diesen Artikel drucken Diesen Artikel an einen Freund senden

„Ich bin endlich da, wo ich immer hin wollte – im Nahen Osten als ständiger ARD-Korrespondent“ – so steht es in Ihrem Profil auf der Website des SWR. Nun haben Sie in der jüngeren Vergangenheit natürlich besonders aus dem Irak berichtet. Für Außenstehende ist es sehr schwer nachzuvollziehen, was den Reiz ausmacht, aus Kriegs- und Krisengebieten zu berichten.

DIE GEGENWART AUDIO




Jörg Armbruster im Interview (1)
Jörg Armbruster im Interview (2)
Format: MP3, Dateigröße: je 1 MB

 

Jörg Armbruster: Also, ich bin kein Kriegsberichterstatter und es ist für mich kein übermäßiger Reiz, aus Kriegs- und Krisengegenden zu berichten. Mich hat hier die islamische und arabische Welt gereizt. Ich hatte mir 1999, als ich diesen Job angeboten bekam, nicht unbedingt vorstellen können, dass ich auch als Kriegsreporter unterwegs sein könnte im Irak. Wir wussten zwar immer, dass hier ein Krisengebiet ist. Ich hatte mir eigentlich auch vorgenommen, sehr viel vom Alltag der Menschen hier zu berichten, um über das Kriegsgeschehen hinaus die Menschen zu vermitteln. Ich fürchte, das kommt jetzt vor dem Hintergrund dieser Irakberichterstattung zu kurz. Es ist alles auf den Irak fokussiert. Mein Wunsch, als ich diesen Satz damals geschrieben hatte, war eigentlich viel mehr als nur über Krisen aus dieser Region zu berichten. [Diese Antwort anhören]

Im Mai diesen Jahres sind die Folterbilder von Abu
Ghureib veröffentlicht worden. Nach Einschätzung des Erfurter Islam- und Medienexperten Kai Hafez sehen die Muslime in erster Linie ihr USA-Bild bestätigt. Welche Reaktionen gab es im Irak bzw. im Nahen Osten in der Öffentlichkeit?

Armbruster: Ich glaube, es stimmt was Kai Hafez da gesagt hat. Das negative Bild der USA ist bestätigt worden durch diesen Abu
Ghureib-Skandal. Es ist das Bild einer Supermacht, die Demokratie verspricht auf der einen Seite und im Grunde dann plötzlich dabei ertappt wird, wie sie das gleiche tut, was vorher die Diktatur getan hat: nämlich im Irak gefoltert, in Abu Ghureib. Es ist das Bild einer sehr arroganten Supermacht, die den Arabern mit einer Doppelmoral begegnet, denn bei diesen ganzen Diskussionen um Abu Ghureib darf man den Palästinenser-Konflikt nicht vergessen. Das spielt eine wichtige Rolle und die doppelbödige Rolle der Amerikaner spielt eine wichtige Rolle. Und ich fürchte, dass dieses negative Bild sich vorläufig nicht mehr ändern lässt. Es sitzt einfach zu tief in den Köpfen der Menschen hier und die Amerikaner werden es unendlich schwer haben, wenn sie von Demokratie reden – wie auf dem G8-Gipfel schon wieder – sich hier überhaupt noch in die Köpfe der Menschen hinein denken und hinein fühlen zu können. Sie werden wie bei einem Pawlowschen Effekt eher Gegenreaktionen und Abwehrhaltungen bei den meisten Menschen auslösen.[Diese Antwort anhören]

Was gab es denn im Irak für besondere Reaktionen auf die Bilder?

Armbruster: Wir haben versucht, die Menschen hinter den Bildern zu recherchieren und das ist uns auch mehrfach gelungen. Wir haben Menschen gefunden, die auf diesen schrecklichen Bildern abgebildet sind. Wir haben dann entdeckt, warum sie so betroffen sind. Nicht nur, weil sie diese Folter über sich ergehen lassen mussten, sondern weil sie nun in aller Öffentlichkeit auch mit diesen Bildern gedemütigt worden sind. Diese Opfer werden in ihrer eigenen Gesellschaft immer stärker isoliert. Deshalb haben manche sogar an Selbstmord gedacht – was im Islam fast ein Ding der Unmöglichkeit ist. Manche gingen sogar soweit, sich von ihrer Familie zu trennen. Manche wurden sogar so ausgegrenzt, dass sie ihre Dörfer verlassen haben, um irgendwo anonym neu an zu fangen. Sie sind also doppelt und dreifach bestraft worden – einmal von der amerikanischen Seite, aber auch von der irakischen Seite. Dort gibt es eben keine Therapeuten oder andere Institutionen, die versuchen, solche Menschen abzufangen und die Aufklärungsarbeit leisten. Das war ein zusätzlicher Aspekt, den wir beobachtet haben und der uns sehr betroffen machte.

Die Reaktionen auf die Folterbilder zeigt: Bilder scheinen viel größere Reaktionen hervorzurufen als das geschriebene Wort. Denn bereits zuvor wurde über angebliche Folterungen berichtet. Wie gehen Sie als Fernsehredakteur mit diesem Wissen um? Gab es bereits Situationen, in der Sie Bilder nicht gesendet haben?


Armbruster: Es ist richtig, dass wir von diesen Folterungen schon sehr früh gehört haben. Wir haben angefangen zu recherchieren. Die Amerikaner haben total gemauert. Wir haben es dann immer wieder in Berichten anklingen lassen, doch wollten wir uns nicht nur auf die irakische Seite verlassen. Das Thema ist tatsächlich erst mit diesen Bildern hoch gekommen. Fernsehen lebt von Bildern, gerade von diesen starken Bildern. Man darf beispielsweise nicht vergessen, dass der Rückzug der Amerikaner aus Somalia erst begann, als das Fernsehen gezeigt hatte, wie ein toter GI durch die Strassen von Mogadischu geschleift worden ist. Oder der Vietnam-Krieg ist letztendlich auf dem Fernsehbildschirm entschieden worden. Abu Ghureib wird vermutlich ähnliche Wirkungen haben. Dies sind aber Wirkungen, die das Fernsehen transportiert. Denn wir haben ja diese Bilder nicht verursacht, sondern sind die Transporteure dieser Bilder und ihrer Wirkung. Es gibt vielleicht Grenzsituationen, bei denen man sich überlegt, ob man diese Bilder überhaupt zeigen darf. Das sind dann Bilder – das habe ich auch schon getan – die besonders grausam sind und die keinen neuen Informationswert haben. Das sind vielleicht auch noch Bilder, die nur spekulativ bei den Zuschauern ankämen. Es sind sehr schwierige Entscheidungen, die von Fall zu Fall immer neu entschieden werden müssen. Ich berate mich da möglichst auch mit Redakteuren in Deutschland, ehe ich eine solche Entscheidung treffe.

Die Folterbilder von Abu Ghureib haben nicht nur in Deutschland eine Moraldiskussion hervorgerufen. Zu sehen waren irakische Gefangene in demütigenden Positionen, ohne dass ihre Gesichter unkenntlich gemacht worden waren. Wären dies Europäer gewesen, wären die
Reaktionen in der westlichen Welt sicher heftiger gewesen. Können Sie dem zustimmen?

Armbruster: Ich kann das nicht abstreiten. Das glaube ich auch. Aber ich habe auf der irakischen Seite auch festgestellt, dass sehr viele Iraker bereit waren, über ihre Folterungen und Erfahrungen zu berichten, auch wenn es solche demütigenden Foltererfahrungen waren, wie sich nackt vor der Kamera auszuziehen oder homosexuelle Praktiken über sich ergehen lassen zu müssen. Sie waren trotzdem bereit, vor der Kamera mit offenem Gesicht darüber zu sprechen. Deswegen glaube ich schon, dass wir da nicht anders berichtet haben, als wir es vermutlich in Europa getan hätten. Es sind auf jeden Fall Grenzsituationen gewesen, über die wir berichtet haben. Ich würde mich zum Beispiel dagegen wehren, Bilder zu veröffentlichen, deren Herkunft ich nicht kenne oder die ich nicht einordnen kann. Ich muss wissen, wo diese Bilder entstanden sind und in welchen Zusammenhang sie stehen. Sie dürfen auch nicht gegen die Genfer Konventionen oder anderen Menschenrechte verstoßen. Das wäre der Fall gewesen, wenn die Gesichter deutlich zu erkennen gewesen wären. Das war bei vielen Bildern nicht so. Aber wie gesagt, die irakischen Opfer waren auch selber bereit, über ihre Erfahrungen in Abu Ghureib zu berichten. Deswegen glaube ich schon, dass wir uns korrekt verhalten haben.

Anderes Thema: Medienberichten zufolge ist es um die Pressefreiheit im Irak nicht gut bestellt. Zwar verteilen die Amerikaner viele Lizenzen,
von freiheitlicher Presse kann aber noch keine Rede sein. Zuletzt kam es zur Schließung der „al-Haussa“-Redaktion. Versuchen die Amerikaner, kritische Stimmen zu unterbinden?

Armbruster: Dem kann ich nicht zustimmen. Die Amerikaner verteilen nicht nur Lizenzen an Zeitungen, die die amerikanische Meinung vertreten. Es gibt sehr viele Zeitungen im Irak, die publizieren – auch sehr viele parteigebundene Zeitungen. Ich glaube, das ist ein Prozess, der sich erst mal entwickeln muss. Aber Sie haben Recht, es ist noch nicht sehr gut um die Pressefreiheit bestellt. Das Beispiel „al Haussa“ ist nicht sehr glücklich, denn die Hauszeitung von al-Sadr war eine Hetzzeitschrift, die auch zum bewaffneten Kampf gegen alles, was nicht auf der Sadr-Linie war, aufgerufen hat. Unabhängig davon halte ich es für äußerst ungeschickt, was die Amerikaner da gemacht haben. Mit einer solchen Zeitschrift kann man auch leben, denn sie wurde nicht so wahnsinnig häufig gelesen. Was mich bedenklich gestimmt hat im vergangenen Jahr war, dass die beiden großen arabischen Nachrichtenkanäle zwei Mal für mehrere Wochen verboten wurden. Nicht von den Amerikanern, sondern vom Regierungsrat, der von den Amerikanern eingesetzt worden ist. An dem Verbot beteiligt war jener Regierungsratsprecher, der am ersten Juli Ministerpräsident sein wird, nämlich Ijad Allawi. Das lässt nichts Gutes ahnen für die Pressefreiheit, die nun in der arabischen Welt überhaupt keine große Tradition hat. Da haben die Amerikaner sich nicht mit sehr viel Ruhm bekleckert. Ich hoffe immer noch, dass es genügend Kräfte, besonders in Bagdad, gibt, die dann auch dafür kämpfen, dass die Pressefreiheit sich weiter entwickeln kann. Es gibt mit Sicherheit Kräfte, die eine kritische Presse sehr ungern sehen.

Nach den Veröffentlichungen der Folterbilder im Irak deckte die russische Journalistin Anna Politkowskaja einen ähnlichen Folterskandal in Tschetschenien aus dem Jahr 2000 auf, der in den westlichen Medien allerdings nie die gleiche Beachtung fand, wie die Vorfälle im Irak. Gibt es in den westlichen Medien derzeit einen anti-amerikanischen Trend? Sehen Sie als Berichterstatter einer eher „unabhängigen“ Nation sich noch mehr in der Pflicht, Aufklärungsarbeit zu betreiben?

Armbruster: Ich kann nicht beurteilen, warum dieser russische Skandal in Tschetschenien so wenig Beachtung fand. Ich glaube nicht, dass es anti-amerikanisch ist, wenn man über die Fehler der Amerikaner berichtet. Das tut die amerikanische Presse auch sehr intensiv. Die
New York Times, eine auch für mich großartige Zeitung, hat sich in diesen Wochen bei ihren Lesern dafür entschuldigt, dass sie sehr pro-amerikanisch und wenig kritisch berichtet hat. Das muss man erst mal fertig bringen. Dann hat sie einen Kurs-Wechsel eingeleitet. Sie berichtet inzwischen sehr kritisch über das, was im Irak passiert. Es war ja auch CBS, die den Abu Ghureib Skandal zum ersten mal publiziert hatte. Die Amerikaner sagen selber, dass sie sehr viele Fehler gemacht haben. Man muss allerdings auch betonen, wenn man bei dem Beispiel Abu Ghureib bleibt, dass nicht die Amerikaner die ersten waren, die dort gefoltert haben. Unter Saddams Zeiten war dies auch ein Foltergefängnis über Jahrzehnte. Dort wurden auf bestialische Art Menschen ermordet. Diese Zeit ist trotz dieses Skandals vorbei. Ich weiß, dass man sich mit solchen Sätzen nicht unbedingt Freunde macht. Aber man darf nicht vergessen: Die Amerikaner haben Saddam Hussein gestürzt, auch wenn sie es in einem Jahr nicht geschafft haben, einen wirklich lebensfähigen Staat aufzubauen. Das muss man kritisieren, dabei das andere allerdings nicht vergessen.

 


Diesen Artikel an einen Freund senden

DIESE SEITE EMPFEHLEN


Bitte geben Sie hier die E-Mail-Adresse des Empfängers ein.
 


ZUM SEITENANFANG

© BJÖRN BRÜCKERHOFF 1998-2004 | IMPRESSUM | PRESSE | KONTAKT | DISCLAIMER