Die Unabhängigkeit der
Wirklichkeitswahrnehmung



Interview:
Björn Brückerhoff   Bild:
Wolfgang Donsbach

Professor Wolfgang Donsbach, geboren 1949, ist geschäftsführender Direktor des Instituts für Kommunikationswissenschaft an der Technischen Universität Dresden. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen unter anderem die Erforschung der öffentlichen Meinung und die Journalismusforschung. Die Gegenwart sprach mit Wolfgang Donsbach über Qualitätsunterschiede zwischen Print- und Online-Journalismus, die Vor- und Nachteile von Weblogs und die Motivation, Weblog-Leser zu sein.

AUSGABE 40
NEUER JOURNALISMUS?





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EDITORIAL VON BJÖRN BRÜCKERHOFF
INTERVIEW MIT WOLFGANG DONSBACH

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Die Gegenwart: Herr Professor Donsbach, es wird viel über die Qualität des Journalismus im Internet gesprochen. Dabei stehen oftmals die angeblichen Differenzen zum Print-Journalismus im Mittelpunkt. Sehen sie auch Qualitätsunterschiede zwischen Online und Print? Wenn ja, wo sind diese besonders auffällig?

Wolfgang Donsbach: Noch viel weniger wie es „die“ Print-Produkte gibt, kann man die journalistischen Angebote im Internet über einen Kamm scheren. Dazu ist die Vielfalt und auch die Vielfalt der Qualität viel zu groß. Dies ist vor allem deshalb der Fall, weil neben den Internet-Angeboten der traditionellen Medien neue Anbieter getreten sind, die sich nur im Internet bewegen. Es gibt also mehrere Vergleichsdimensionen: Man kann die Qualität traditioneller Print-Produkte mit deren eigenen Angeboten in Internet vergleichen, oder verschiedene Internetangebote untereinander. Hier gilt es wieder zu unterscheiden zwischen den Online-Auftritten traditioneller Medien (beispielsweise Spiegel Online), speziellen Onlinemedien (zum Beispiel die Netzeitung), die Nachrichtenseiten der Internet-Portale und neuerdings auch der „Blogger“.

Informationen und Nachrichten im Internet sind also nicht per se besser oder schlechter als die gedruckten Zeitungen. Es kommt immer darauf an, wer sie wie gesammelt, recherchiert und aufbereitet hat. Die Link-Verbindungen im Internet sind zum Beispiel eine Möglichkeit, weit über das in der gedruckten Zeitungen Machbare hinaus, zusätzliche Informationen zu einem Thema zu geben. Andererseits gibt die räumliche Anordnung der Nachrichten in der gedruckten Zeitung den Lesern sicherlich einen besseren Überblick über das Tagesgeschehen. Beim Internet ist ja nicht nur die theoretisch verfügbare Menge an Informationen zu beachten, sondern auch das durchschnittliche Nutzungsverhalten der Leser. Was nutzen viele Links zu darunter liegenden Seiten oder anderen Websites, wenn Sie nicht genutzt werden?


Die Gegenwart: Welche Qualitätskriterien sind besonders im Online-Journalismus wichtig?


Donsbach: Für den Online-Journalismus gelten nicht grundsätzlich andere Qualitätskriterien, wie für den Journalismus generell. Wie ich schon deutlich gemacht habe, kommt es darauf an, wie gut eine Nachricht dem Leser oder User ein Ereignis, einen Sachverhalt oder eine handelnde Person darstellt. Die Qualität hängt davon ab, ob die Informationen solide recherchiert sind, ob ein Ereignis oder ein Konflikt von allen Seiten beleuchtet wird und die verschiedenen Kontrahenten zu Gehör kommen, und damit schließlich dem Leser die Sache so dargestellt wird, dass er sich unabhängig ein eigenes Bild, eine eigene Meinung bilden kann.

Für mich ist das oberste Qualitätskriterium im Journalismus die Unabhängigkeit der Wirklichkeitswahrnehmung des Rezipienten. Ich denke, dass alle anderen Qualitätskriterien und handwerklichen Regeln unter diesem zentralen Wert betrachtet werden können. Wenn man dieses Kriterium anlegt, trennt sich schnell die Spreu vom Weizen. Der Weizen ist dann „Journalismus“ und der ganze Rest die Spreu. Damit will ich sagen: Es gibt eine spezifische journalistische Kompetenz, die nur diejenigen für sich beanspruchen können, die diese handwerklichen Regeln zu Gunsten des von mir eben genannten zentralen Zieles auch anwenden. Alles andere sind dann eben andere Formen der Kommunikation, die auch legitim, vielleicht in einer offenen Gesellschaft auch notwendig und wichtig sind, aber eben nicht zu diesem professionellen Berufsbild gehören. An professionelle Journalisten haben die Leser bestimmte Erwartungen, die die Grundlage für ihr Vertrauen in die Informationen und damit für den zugelassenen Einfluss auf ihre eigene Wirklichkeitswahrnehmung bilden.

Daneben gibt es natürlich eine Reihe weiterer handwerklicher Regeln, die jeweils medienspezifisch die Qualität ausmachen. Dazu gehört beispielsweise beim Internet die grafische Aufbereitung und die Anordnung von Texten, Bildern, Links und so weiter.

Die Gegenwart: Wer liest Weblogs?

Donsbach: Mir liegen keine wissenschaftlichen Erkenntnisse darüber vor, wer Weblogs liest. Es gibt zwei Hypothesen: entweder diejenigen, die auch anderen Medien intensiver als andere nutzen (more-and-more-rule) oder diejenigen, die sich in ihrer Mediennutzung generell stärker dem Internet zuwenden und die traditionellen Medien links liegen lassen. Neuere Studien über den Einfluss der Internetnutzung auf die Nutzung der traditionellen Medien zeigen ja, dass bei den Jüngeren zum Beispiel die Tageszeitung zu Gunsten des Internets verliert. Eine zweite Hypothese wäre, dass die Weblogs vor allem von denjenigen genutzt werden, die in den traditionellen Medien und vielleicht auch in die traditionellen Institutionen unserer Gesellschaft, insbesondere der Politik, Vertrauen verloren haben. Dies wiederum korreliert sicherlich mit einer bestimmten Affinität zu eher einseitigen, advokatorischen Angeboten im Internet.

Die Gegenwart: Wann sind sie zum ersten Mal auf das Thema „Weblogs“ aufmerksam geworden?

Donsbach: Vermutlich ist das nicht länger her als ein Jahr. Und ich muss gestehen, dass ich mich mit diesem Thema noch nicht intensiv befasst habe. Das hat auch damit zu tun, dass die neuen Medien nicht unbedingt mein Spezialgebiet sind. Allerdings rechne ich Journalismus und journalistische Qualitätskriterien zu meinen Spezialgebieten und – wie ich vorhin aufgezeigt habe – kann man vieles von dem auf das Thema der Weblogs anwenden.

Die Gegenwart: Vom privaten Tagebuch über Erotik-Angebote bis zur News-Site aus dem Krisengebiet decken Weblogs ein sehr breites Themen-Spektrum ab. Wie lassen sich Weblogs am besten klassifizieren?

Donsbach: Darüber maße ich mir aus den genannten Gründen kein Urteil an. Hier gibt es bestimmt bessere Experten als mich. Aber im Sinne unseres bisherigen Themas ist sicherlich eine entscheidende Grenze durch die Frage determiniert, was man von diesen Angeboten als „Journalismus“ bezeichnen kann und was nicht. Damit wird hoffentlich auch deutlich, dass ich die Klassifikation „Journalismus“ nicht auf die Angebote der bereits existierenden Medien im Netz beschränken möchte. Journalismus (im Gegensatz zu allen anderen Kommunikationsangeboten) wird nicht durch die Institutionen definiert, sondern durch die Anwendung der erwähnten Regeln und das Verfolgen des erwähnten Zieles (unabhängige Wirklichkeitswahrnehmung). Ein „Blogger“ kann auch journalistische Angebote produzieren, wenn er diese Regeln anwendet und dieses Ziel erreichen will.

Das Problem für den Rezipienten (und damit letztlich auch für den Anbieter) ist die Unsicherheit über diese Methoden und Ziele. Mit anderen Worten: Der durchschnittliche Leser verlässt sich lieber (und sollte sich im Zweifelsfall auch lieber verlassen) auf die Angebote von Institutionen, die ihre Seriosität in dieser Hinsicht bereits nachgewiesen haben.


Die Gegenwart: 
Wo liegt das Faszinierende daran, in privaten Weblogs zu lesen? Gibt es Parallelen zu der Motivation, regelmäßiger Big Brother-Zuschauer zu sein?

Donsbach: Das ist sicherlich unterschiedlich von Weblog zu Weblog. Der Voyeurismus, den sie erwähnen, ist vielleicht ein Motiv. Ebenso dürfte es bei einigen eine Rolle spielen, das Gefühl zu haben, ganz besondere, einmalige Informationen zu bekommen, die die anderen Medien nicht enthalten. Sie sehen somit vielleicht einen besonderen Exklusivitäts-Charakter, manchmal sogar einen investigativen, fast verschworenen Charakter, der dann oft auch mit Verschwörungstheorien und einer gewissen medialen Paranoia korrelieren mag. Und genau dieses Gefühl dürfte bei denjenigen besonders stark vorhanden sein, die diese Internetangebote aus einer gewissen Abwehr-Haltung gegenüber den traditionellen Medien nutzen.

Die Gegenwart: Was können Weblogs besser?

Donsbach: Sie können es vielleicht besser, etwas außergewöhnliche, randständige Informationen zu besorgen und öffentlich zu machen, weil sie nicht den üblichen Routinen des Nachrichtenjournalismus der klassischen Medien unterliegen. Sie unterliegen auch nicht den wirtschaftlichen Notwendigkeiten und Interessen der Medienunternehmen. Aber sie unterliegen eben häufig den subjektiven Interessen und Zielen derjenigen, die sie machen und die sich in der Regel keiner Qualitätskontrolle unterwerfen müssen.

Die Gegenart:  Wie beurteilen sie die Gefahr, dass erfundene oder schlecht recherchierte Nachrichtenbeiträge aus Weblogs durch Übernahme in die „klassischen“ Online-Nachrichtenangebote in der Öffentlichkeit für bare Münze genommen werden?

Donsbach: Nach dem bisher Gesagten offensichtlich sehr hoch! Zwar wird sich die Mehrheit der Internetnutzer auf die Angebote von bekannten Medien, auch bekannten Internet-Medien verlassen, aber bei einer Minderheit wird das keine Rolle spielen. Das heißt, man wird das glauben, was den Erwartungen entspricht, wie schlecht recherchiert oder abstrus es auch immer sein mag. Propaganda und Aktivismus kann dann von vielen als journalistisches Produkt wahrgenommen und für die einzige Wahrheit gehalten werden

Die Gegenwart: Was für Möglichkeiten gibt es, Weblogs qualitativ zu überprüfen und die Qualität dauerhaft zu sichern?

Donsbach: Bei der Vielzahl der Weblogs ist das schier unmöglich. Es gibt offensichtlich Ansätze für einen Zusammenschluss, der auch eine gewisse gegenseitige Kontrolle beinhaltet. Aber entweder kann diese Qualitätskontrolle gar nicht realisiert werden, weil die notwendigen Informationen auf Seiten der Beteiligten fehlen, oder man endet wieder bei Organisationsformen der traditionellen Medien und der eigentliche Kick der Weblogs geht verloren.

Die Gegenwart: Welche journalistischen Inhalte eignen sich besonders für die Darstellung in einem Weblog?

Donsbach: Ohne institutionelle und wirtschaftliche Zwänge kann sich ein Blogger viel intensiver, gelegentlich auch langfristiger um ein Thema kümmern, auch Themen aufgreifen, die andere Medien nicht aufgreifen. Wie ich schon gesagt habe, ist vermutlich das Randständige, nicht dem Mainstream entsprechende das Gebiet, auf dem sich die Blogger vor allem tummeln können.

Die Gegenwart: Welche Weblogs lesen sie?

Donsbach: Keine regelmäßig.

Die Gegenwart: Wann beginnen sie ihr eigenes Weblog?

Donsbach: Als Wissenschaftler habe ich andere Quellen, in denen ich veröffentlichen muss und die anderen Qualitätskriterien unterliegen. Ein wissenschaftlicher „Blogger“ wäre ich dann, wenn ich die peer review-Zeitschriften umgehen würde, indem ich meine wissenschaftlichen Ergebnisse ohne Kontrolle durch Kollegen nur noch auf meiner Website veröffentliche. Dies ist also durchaus vergleichbar mit dem, was ich über die Abgrenzung zu professionellem Journalismus gesagt habe. Für mich als Bürger sind Weblogs natürlich potenziell eine Möglichkeit, mich öffentlich zu Wort zu melden. Vielleicht bekommen wir ja durch das Internet am Ende doch so etwas wie das, was sich Bert Brecht mit seiner visionären „
Radio-Theorie“ vorgestellt hat.


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