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Liebe Leserinnen, liebe Leser,
schlechte Neuigkeiten verkaufen sich im Journalismus angeblich am besten.
Das hat den unangenehmen Effekt, dass die Neuigkeiten, die verkauft werden
sollen, mit der Zeit immer schlechter werden müssen. Ansonsten droht die
Gewöhnung. Gewöhnung ist Langeweile. Und Langeweile ist der Feind guter Quoten.
Weil die Wirklichkeit nicht ständig schlechtere Neuigkeiten abwerfen will,
muss manchmal etwas nachgeholfen werden. Skandale und Schicksale
müssen her.
Was im Boulevardjournalismus zum Geschäft gehört, ist seit einiger Zeit auch
abseits der einschlägigen Blätter zu beobachten. Druck und Drama allerorten.
Jeder Teasertext verheißt größere Eklats, Blamagen und Tumulte. Harmlose Storys werden
allein durch überdrehte Wortwahl zu Sensationen aufgebauscht. Im täglichen
Wettbewerb um
die meisten Klicks wird mit den "immergleichen Krawallvokabeln"
(Stefan Gärtner über ‚Spiegel Online’)
um die Aufmerksamkeit der Leser gerungen. Die sachliche Nachricht und der
neutrale Bericht sind aussterbende Gattungen.
Und die nächste Eskalationsstufe ist schon erreicht.
Einige Fernsehsender haben einen völlig anderen Weg gefunden, den
angenommenen
Bedarf an Empörung und Spektakel zu decken.
Man denkt sich dort die passenden Inhalte
einfach selbst aus.
‚Scripted
Reality’
heißt die Zauberformel, mit der sich bestellte Schicksale nach Bedarf für alle freien
Programmplätze liefern lassen.
Natürlich: ‚Scripted
Reality’
ist offiziell kein
Journalismus – „alle handelnden
Personen sind frei erfunden“. Das weiß
jeder, der die winzigen eingeblendeten Hinweise vor oder nach der Sendung
bemerkt. Die Macher geben sich jedoch alle Mühe, die Illusion echter
Reportagen und Dokumentationen zu wahren. Und das Format ist schön flexibel:
Mal werden einzelne Dialoge erfunden, mal ganze Lebenssituationen. Der
Streit mit der Tochter, die vermüllte Wohnung, die verwahrloste Gegend, die
Sucht. Einige
Protagonisten ahnen offenbar erst im Nachhinein, dass ihr Auftritt Teil
einer großen Inszenierung war. Findet sich keine vielversprechende
Ausgangslage, übernehmen Laien die Schauspielerei. Die NDR-Sendung Panorama
nennt
‚Scripted
Reality’
deshalb schlicht
‚das Lügenfernsehen’.
Die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion lösen sich auf. Wer soll noch
erkennen, welche Reportage echt ist, welche Handlung nur erfunden?
Von den
Zuschauern kann das niemand erwarten.
Plötzlich treten die falschen Reportagen gegen echten Journalismus an.
Wen sollen wahre Geschichten noch interessieren, wenn doch alles nur erfunden sein
könnte? Wie sichert der Journalismus seine gesellschaftliche Funktion? Und:
Sehnen sich die Zuschauer nicht doch nach Authentizität?
Mit den Gründen, Mechanismen und Konsequenzen dieser und anderer
Formen der Skandalisierung in
den Medien beschäftigt sich die 60. Ausgabe des Magazins
Neue
Gegenwart®. Die Nr. 60 ist
eine Jubiläumsausgabe.
Neue Gegenwart
unterrichtet Sie auf
Wunsch gerne über neue Ausgaben des Magazins, Ausstellungen bei Neue
Gegenwart Contemporary und über andere aktuelle Ereignisse rund um Neue
Gegenwart.
Zum Beispiel
per
Newsletter oder auf
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Mit besten Grüßen
Björn
Brückerhoff
Neue
Gegenwart®
PS:
Falls Sie
Interesse haben, mit einem Beitrag dabei zu sein, nehmen Sie gerne
Kontakt
auf. ( Hier
erfahren Sie mehr über das Magazin).
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Neue
Gegenwart® ist eine
Medienmarke, die bislang u. a. Neue Gegenwart® –
Magazin für Medienjournalismus,
Neue Gegenwart®
Contemporary, das Neue Gegenwart®
Blog und Neue Gegenwart®
Veranstaltungen umfasst. Neue Gegenwart®
wurde 1998 von Björn Brückerhoff gegründet.
Das Magazin für Medienjournalismus erscheint
seit Juli 1998 und behandelt in Schwerpunktausgaben aktuelle Medienthemen. Dazu werden in jeder
Ausgabe prominente Persönlichkeiten interviewt, beispielsweise Esther Dyson, Jutta
Limbach, Florian Illies, Mathias Müller von Blumencron, F. C. Gundlach,
Peter Weibel, Karlheinz Brandenburg, Gabriele Fischer und
viele andere.
Freie Autorinnen und Autoren schreiben für das Magazin medienkritische Aufsätze, Reportagen,
Essays und Glossen aus den Themenfeldern Politik, Gesellschaft,
Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur und Ausland. Der Medienjournalismus steht dabei stets im Mittelpunkt.
Neue Gegenwart ist
mehrfach ausgezeichnet worden: Grimme-Preis für publizistische Qualität im Netz (Grimme Online Award
2004), Lead Awards 2004 (Gold) und 2005 (Silber), Auszeichnungen der Lead
Awards-Jury
(2006, 2010).

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