Vorschau: Neue Gegenwart Nr. 60
Absurdes Theater



Neue Gegenwart
®
Vorschau Ausgabe 60



Bild (li.): Pavel Matoušek







 
 

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

schlechte Neuigkeiten verkaufen sich im Journalismus angeblich am besten. Das hat den unangenehmen Effekt, dass die Neuigkeiten, die verkauft werden sollen, mit der Zeit immer schlechter werden müssen. Ansonsten droht die Gewöhnung. Gewöhnung ist Langeweile
. Und Langeweile ist der Feind guter Quoten.


Weil die Wirklichkeit nicht ständig schlechtere Neuigkeiten abwerfen will, muss manchmal etwas nachgeholfen werden. Skandale und Schicksale müssen her. Was im Boulevardjournalismus zum Geschäft gehört, ist seit einiger Zeit auch abseits der einschlägigen Blätter zu beobachten. Druck und Drama allerorten. Jeder Teasertext verheißt größere Eklats, Blamagen und Tumulte. Harmlose Storys werden allein durch überdrehte Wortwahl zu Sensationen aufge
bauscht. Im täglichen Wettbewerb um die meisten Klicks wird mit den "immergleichen Krawallvokabeln" (Stefan Gärtner über Spiegel Online) um die Aufmerksamkeit der Leser gerungen. Die sachliche Nachricht und der neutrale Bericht sind aussterbende Gattungen.

Und die nächste Eskalationsstufe ist schon erreicht.
Einige Fernsehsender haben einen völlig anderen Weg gefunden, den angenommenen Bedarf an Empörung und Spektakel zu decken.
Man denkt sich dort die passenden Inhalte einfach selbst aus.


Scripted Reality heißt die Zauberformel, mit der sich bestellte Schicksale nach Bedarf für alle freien Programmplätze liefern lassen. Natürlich: Scripted Reality ist offiziell kein Journalismus „alle handelnden Personen sind frei erfunden. Das weiß jeder, der die winzigen eingeblendeten Hinweise vor oder nach der Sendung bemerkt. Die Macher geben sich jedoch alle Mühe, die Illusion echter Reportagen und Dokumentationen zu wahren. Und das Format ist schön flexibel: Mal werden einzelne Dialoge erfunden, mal ganze Lebenssituationen. Der Streit mit der Tochter, die vermüllte Wohnung, die verwahrloste Gegend, die Sucht. Einige Protagonisten ahnen offenbar erst im Nachhinein, dass ihr Auftritt Teil einer großen Inszenierung war. Findet sich keine vielversprechende Ausgangslage, übernehmen Laien die Schauspielerei. Die NDR-Sendung Panorama nennt Scripted Reality deshalb schlicht das Lügenfernsehen.

Die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion lösen sich auf. Wer soll noch erkennen, welche Reportage echt ist, welche Handlung nur erfunden?
Von den Zuschauern kann das niemand erwarten.

Plötzlich treten die falschen Reportagen gegen echten Journalismus an.
Wen sollen wahre Geschichten noch interessieren, wenn doch alles nur erfunden sein könnte? Wie sichert der Journalismus seine gesellschaftliche Funktion? Und: Sehnen sich die Zuschauer nicht doch nach Authentizität?

Mit den Gründen, Mechanismen und Konsequenzen dieser und anderer Formen der Skandalisierung in den Medien beschäftigt sich die 60. Ausgabe des Magazins
Neue Gegenwart®. Die Nr. 60 ist eine Jubiläumsausgabe.

Neue Gegenwart unterrichtet Sie auf Wunsch gerne über neue Ausgaben des Magazins, Ausstellungen bei Neue Gegenwart Contemporary und über andere aktuelle Ereignisse rund um Neue Gegenwart. Zum Beispiel per Newsletter oder auf Facebook.

 
Mit besten Grüßen

Björn Brückerhoff
Neue Gegenwart®



PS: Falls Sie Interesse haben, mit einem Beitrag dabei zu sein, nehmen Sie gerne Kontakt auf. (Hier erfahren Sie mehr über das Magazin).

 

Neue Gegenwart® ist eine Medienmarke, die bislang u. a. Neue Gegenwart® – Magazin für Medienjournalismus, Neue Gegenwart® Contemporary, das Neue Gegenwart® Blog und Neue Gegenwart® Veranstaltungen umfasst. Neue Gegenwart® wurde 1998 von Björn Brückerhoff gegründet.

Das Magazin für Medienjournalismus erscheint seit Juli 1998 und behandelt in Schwerpunktausgaben aktuelle Medienthemen. Dazu werden in jeder Ausgabe prominente Persönlichkeiten interviewt, beispielsweise Esther Dyson, Jutta Limbach, Florian Illies, Mathias Müller von Blumencron, F. C. Gundlach, Peter Weibel, Karlheinz Brandenburg, Gabriele Fischer und viele andere.

Freie Autorinnen und Autoren schreiben für das Magazin medienkritische Aufsätze, Reportagen, Essays und Glossen aus den Themenfeldern Politik, Gesellschaft, Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur und Ausland. Der Medienjournalismus steht dabei stets im Mittelpunkt.

Neue Gegenwart ist mehrfach ausgezeichnet worden: Grimme-Preis für publizistische Qualität im Netz (Grimme Online Award 2004), Lead Awards 2004 (Gold) und 2005 (Silber), Auszeichnungen der Lead Awards-Jury (2006, 2010).




 
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