BEZIEHUNGSKOMÖDIEN UND DIE SPASSGESELLSCHAFT
Die Bewegte Nation


TEXT: JONS MAREK SCHIEMANN
BILD: PHOTOCASE.DE



Zur Zeit ist die Aufregung wieder mal groß. Dabei geht es gar nicht mal um die geplanten Verschärfungen der Sicherheit, wie zum Beispiel Retinascanner, digitaler Fingerabdruck und Videoüberwachungen öffentlicher Plätze. Es geht um einen anderen Big Brother. Nämlich um die gleichnamige Sendung, die zum wiederholtem Male auf RTL 2 läuft. Eine Kandidatin namens Sandra wurde nach öffentlichem Druck aus dem Container geworfen, weil sie ein kleines Kind hat und sich im Fernsehknast naturgemäß nicht darum kümmern kann. So schallte es im Blätterwald „Rabenmutter“, die Politikerherde blökte am lautesten und die kirchlichen Schäfer wollten das Lamm heimholen. Nach den Gründen der Kandidatin ihren Sohn bei Oma zu lassen und in den Container zu ziehen, wurde nicht gefragt. Vielleicht ist es ganz simpel: in dieser kinderfeindlichen Gesellschaft brauchte sie höchstwahrscheinlich Geld.

Offensichtlich wurde eine Grenze überschritten. Kinder sollen nicht instrumentalisiert werden. Außer es betrifft natürlich die Politik und die Wirtschaft. Jetzt aber war Schluss mit lustig.

Privates in die Öffentlichkeit zu bringen ist dabei  ein uraltes Thema der Literatur. Die in Prosaform dargestellten Gefühle und Handlungen von Protagonisten sind in aller erster Linie „privat“. Literatur dient nicht nur der Zerstreuung, sondern auch der Reflexion. Und Reflexion ist privat. Zumindest vom Ursprung her.

In den letzten Jahren wurde aber jedes kleine Zipfelchen in die Öffentlichkeit gezerrt. In unserer so genannten Spaßgesellschaft, die seit den Anschlägen vom 11. September und der Wirtschaftskrise im Verfall begriffen ist, ohne dass irgendjemand weiß, wohin die Reise gehen wird, war man angepassterweise fröhlich und ließ Probleme zu Hause. Erfolg war messbar an der Unfähigkeit feste Bindungen einzugehen. Man konnte nur auffallen, wenn man sich verweigerte. Paradoxerweise wurde man dadurch ignoriert und fiel erst recht nicht auf. So musste zwangsläufig jedes Extrem ausprobiert werden, natürlich möglichst öffentlich, um in der allgemeinen Hysterie aufzufallen und jeder Trend war schon wieder out, bevor man ihn festmachen konnte. Was Wunder, dass alles extremer wurde und unsere Gesellschaft immer dekadenter.

Die Sehnsucht aufzufallen, trieb die Leute massenweise in die Talkshows, machte Freizeitstress zum Statussymbol und ließ Ultraschallfotos von Babys in der Presse verbreiten. Insofern war das Kind bei „Big Brother“ nichts neues.

Ein deutliches Spiegelbild dieser gesellschaftlichen Strukturen waren die Beziehungskomödien der neunziger Jahre. Auf  humoristische Weise wurde die Beziehungsunfähigkeit dargestellt und jeder Ansatz von Romantik unter Fäkalwitzen begraben.
Waren die deutschen Komödien wie „Der bewegte Mann“ und „Stadtgespräch“ noch bestimmt von der Reifung und der Selbstfindung der Protagonisten, behandelten sie die Figuren liebevoll. Aber bindungsunfähig waren sie alle. Ebenso wie in „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“, der aber gerade dieses thematisierte. Die Bestrebungen und (sexuellen) Nöte gerade Jugendlicher wurden exaltiert in Filmen wie „Verrückt nach Mary“, „American Pie“ und „Scary Movie“ auf das Korn genommen. Die Aufregung über die explizite Thematisierung der Sexualität beschränkte sich weitgehend auf das puritanisch prüde Amerika. Durch die Lächerlichmachung der Akteure wurde gleichzeitig deren sexuelles Streben kritisiert und als verwerflich dargestellt. Ein Richtungswechsel stellt spätestens der große Erfolg von „Die fabelhafte Welt der Amelie“ dar und wird durch neuere Filme wie zum Beispiel „Unterwegs nach Cold Mountain“ fortgeführt. Denn nun, nach dem großem Erwachen und Sektkater, wird die Romantik wieder entdeckt und damit die Sehnsucht nach Geborgenheit, Rückzug und etwas Festem, das der Fels in der Brandung sein soll.


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